Route 66 — was die globale Roadtrip-Ikone seit 1926 ist
3.940 Kilometer von Chicago nach Los Angeles, eingeweiht 1926, stillgelegt 1985, seit den 1990er-Jahren als Heritage-Tourismus-Strecke wiederbelebt. Wie die Route 66 von der trans-amerikanischen Verbindungsstraße zur literarischen Ikone wurde, was Steinbeck und Kerouac aus ihr machten und warum sie 2026 für DACH-Reisende zur einer der gefragtesten US-Roadtrip-Routen geworden ist.
Die Route 66 ist die berühmteste Straße der Welt. Sie ist nicht die längste — die australische Highway-1-Schleife rund um den Kontinent ist mit 14.500 Kilometern um ein Vielfaches länger, die transsibirische Straße M53/M55 verbindet Moskau mit Wladiwostok auf rund 11.000 Kilometern. Sie ist auch nicht die landschaftlich spektakulärste — der norwegische Trollstigen mit seinen 11 Kehren und 8,9 Prozent Maximal-Steigung schlägt jede einzelne Route-66-Sektion, der Stelvio mit seinen 48 Kehren auf 2.757 Meter Höhe ohnehin. Sie ist seit 40 Jahren nicht einmal mehr offiziell eine US-Bundesstraße. Und trotzdem ist sie die Roadtrip-Strecke, deren Name weltweit erkannt wird — in einer Konstellation, die ein gewachsenes Zusammenspiel aus Geografie, Literatur, Musik und Bilder-Industrie zu verdanken hat.
Im Mai 2026 fährt die Route 66 in ihre 100. Saison als amerikanische Straße. Das offizielle Jahrhundert-Jubiläum wird zwischen dem 11. November 2026 — dem Eröffnungsdatum 1926 — und dem Sommer 2027 begangen werden. Die Vorbereitungen sind seit zwei Jahren im Gange; die Bundesstaaten Illinois, Missouri, Kansas, Oklahoma, Texas, New Mexico, Arizona und Kalifornien haben eigene Jahrhundert-Programme aufgesetzt, der Route 66 Centennial Commission Act der US-Bundesregierung ist seit 2024 in Kraft.
1926 — das US-Highway-System und die neue Achse Chicago–LA
Die Route 66 ist ein Produkt der Verkehrs-Reform der 1920er Jahre. Die USA hatten bis dahin kein einheitliches Bundesstraßen-System; die Land-Verbindungen zwischen den Großstädten waren ein Flickenteppich aus state highways, county roads und named auto trails — letztere private oder halbprivate Initiativen mit eigenen Beschilderungen wie der Lincoln Highway (1913) oder der National Old Trails Road (1912). Die Vielfalt der Benennungen und der Beschilderungen war das praktische Problem; ein Reisender, der von New York nach Los Angeles fahren wollte, musste auf rund einem Dutzend verschiedener Routen-Systeme navigieren.
Die Lösung war das United States Numbered Highway System, das vom American Association of State Highway Officials zusammen mit dem Bureau of Public Roads konzipiert und am 11. November 1926 offiziell eingeführt wurde. Das System vergab erstmals durchgehende Routen-Nummern für trans-staatliche Verbindungs-Straßen, mit einer systematischen Logik: Ungerade Nummern für Nord-Süd-Routen (US-1 an der Ostküste, US-101 an der Westküste), gerade Nummern für Ost-West-Routen (US-2 an der Nordgrenze, US-90 nahe der Südgrenze). Die Route 66 erhielt eine ungewöhnliche Nummer für eine Ost-West-Strecke — die Vorgesehene war US-60, die Nummer wurde aber im Verhandlungs-Streit zwischen den Bundesstaaten neu vergeben.
Die Trassierung führte von Chicago, Illinois, über St. Louis, Missouri, Tulsa und Oklahoma City in Oklahoma, Amarillo in Texas, Albuquerque und Gallup in New Mexico, Flagstaff in Arizona, bis Santa Monica in Kalifornien — eine diagonale Achse über den südwestlichen Teil der Vereinigten Staaten mit insgesamt 2.448 Meilen (rund 3.940 Kilometern). Sie verband die Wirtschafts-Räume des Mittleren Westens mit den damals stark wachsenden Städten Kaliforniens und führte durch Regionen, die mit dem Highway-Anschluss erstmals ans Bundes-Verkehrsnetz angeschlossen wurden. Die durchgehende Asphaltierung wurde erst 1938 erreicht — die Route 66 war damit die erste vollständig asphaltierte Trans-Amerika-Bundesstraße.
Steinbeck, die Mother Road und die Depression
Die literarische Karriere der Route 66 beginnt mit John Steinbecks Roman The Grapes of Wrath (Die Früchte des Zorns), erschienen 1939. Steinbeck verwendet darin den Begriff Mother Road für die Route 66 — ein Begriff, der seine ganze ikonografische Karriere erst durch den Roman bekommt. Bei Steinbeck heißt es im 12. Kapitel: „Highway 66 is the main migrant road. 66 — the long concrete path across the country, waving gently up and down on the map. 66 is the path of a people in flight.” Die Route 66 wird hier als die Strecke der Joad-Familie geschildert, die aus dem von der Dust-Bowl-Dürre verheerten Oklahoma nach Kalifornien zieht — eine Migration, die zwischen 1930 und 1940 nach Schätzungen rund 200.000 Menschen umfasste.
Die Bezeichnung „Mother Road” war im 1939er Sprachgebrauch keineswegs etabliert; Steinbeck hat sie geprägt. Die Wirkung war doppelt. Erstens machte sie die Route 66 zum literarischen Topos der amerikanischen Migration und Depression — eine Strecke, die mit der nationalen Selbstvergewisserung verbunden wurde. Zweitens kontextualisierte sie die Straße als das, was sie damals tatsächlich war: ein Werkzeug der amerikanischen Mobilität, die in den 1930er Jahren von der wirtschaftlichen Not getrieben war.
Steinbeck war nicht der einzige Autor, der die Route 66 in der Depressionszeit literarisch verarbeitete. Die WPA-Reisebücher (Works Progress Administration), die in den späten 1930er Jahren als New-Deal-Beschäftigungs-Programm entstanden, dokumentierten die Strecke ausführlich. Aber Steinbecks Roman war der Text, der die Route 66 ins kulturelle Bewusstsein hob. Der Bezeichnung „Mother Road” folgte 1946 der Song Get Your Kicks on Route 66 von Bobby Troup, gesungen zunächst von Nat King Cole — das musikalische Stück, das die Strecke endgültig zum amerikanischen Mythos machte. Der Song wurde in den folgenden Jahrzehnten von praktisch jedem amerikanischen Pop-Sänger interpretiert; die Chuck-Berry-Version von 1961 und die Rolling-Stones-Version von 1964 trugen die Strecke nach Europa.
Kerouac, On the Road und die literarische Roadtrip-Ikone
Die zweite große literarische Verarbeitung der Route 66 — und der amerikanischen Roadtrip-Idee überhaupt — ist On the Road von Jack Kerouac, geschrieben 1951, veröffentlicht 1957. Kerouac selbst war nicht primär ein Route-66-Autor; sein Roman erstreckt sich über mehrere Trans-Amerika-Reisen, von denen nur einige Teile der Strecke folgen. Aber das Gesamtkonzept des Romans — die Reise als Selbsterfahrung, die Straße als Erlebnis-Raum, die geografische Bewegung als existentielle Suche — ist das, was die spätere Roadtrip-Kultur als Programm aufgenommen hat. On the Road war der Text, der die Roadtrip-Reise von der pragmatischen Mobilitäts-Notwendigkeit zur kulturellen Praxis machte.
Die Wirkung war im Lauf der nachfolgenden Jahrzehnte breit. Die Roadtrip-Bewegung der 1960er und 1970er Jahre — Hippie-Reisen, Beat-Generation-Erbe, die Counter-Culture-Reisen quer durch die USA — orientierte sich an Kerouacs Modell. Die Route 66 wurde dabei zur paradigmatischen Strecke. Sie war die Strecke, auf der die literarische Roadtrip-Idee zur konkreten Reise wurde: lange Distanzen, durchgehende Bewegung, die Erfahrung der amerikanischen Geografie als Identitäts-Erlebnis.
In Europa kam die Roadtrip-Idee in einem anderen Format an. Die deutschen Reisenden der 1970er und 1980er Jahre, die mit dem VW Bus durch Europa und nach Marokko fuhren, hatten die On-the-Road-Lektüre als ideologisches Substrat. Die deutsche Wohnmobil-Kultur ist in einer ihrer kulturellen Wurzeln eine Kerouac-Konsequenz — auch wenn der direkte literarische Bezug heute kaum noch hergestellt wird.
Die Stilllegung 1985 und der Tod der Route
Das Ende der Route 66 als Bundesstraße kam in einem schleichenden Prozess. Der Federal-Aid Highway Act of 1956, signiert von Präsident Eisenhower, schuf das Interstate Highway System — das parallele, geometrisch konsequentere und schnellere Bundesstraßen-Netz, das die alten US-Routen in den folgenden drei Jahrzehnten weitgehend ablöste. Die Interstate 40 — die direkte Konkurrenz-Strecke zur Route 66 — wurde abschnittsweise in den 1960er und 1970er Jahren fertiggestellt. Sie führte in weiten Teilen parallel zur Route 66, in einigen Sektionen exakt auf der gleichen Trasse (mit Verbreiterung und Vier-Spur-Ausbau), in anderen Sektionen wenige Meilen daneben.
Mit der Fertigstellung der Interstate-Verbindung verlor die Route 66 ihre verkehrliche Funktion. Die Wirtschaft der Route — Motels, Tankstellen, Diner, Souvenir-Shops — brach in den späten 1970er Jahren ein. Die Ortschaften an der Strecke, die ihre Existenz dem Transit-Verkehr verdankten, verloren ihre Lebensgrundlage. Die letzte Sektion der Route 66 wurde am 27. Juni 1985 offiziell aus dem US-Highway-System gestrichen; die Strecke hörte damit auf, eine offizielle Bundesstraße zu sein. Die Schilder wurden in den meisten Bundesstaaten in den folgenden Monaten abmontiert.
Die Strecke hörte damit auf zu existieren — als offizielle Bundesstraße. Sie hörte nicht auf zu existieren als physische Straße. Die Asphaltbänder lagen weiter da, in den Bundesstaaten teilweise als state highway umgewidmet, teilweise als county road geführt, in einigen Sektionen als private oder lokale Straße erhalten. Wer 1990 die Route 66 fahren wollte, konnte das tun — er musste sie nur selbst rekonstruieren, ohne durchgehende Beschilderung, ohne offizielle Strecken-Karte.
Die Heritage-Renaissance ab den 1990er Jahren
Die Wiederentdeckung der Route 66 begann in den späten 1980er Jahren mit lokalen Heritage-Initiativen in den Bundesstaaten Arizona und Missouri. Die Historic Route 66 Association of Arizona (gegründet 1987) und vergleichbare Initiativen in den anderen Bundesstaaten dokumentierten die Strecken-Verläufe, kartierten die erhaltenen Sektionen und begannen mit der Wiedereinführung der historischen Beschilderung — als „Historic Route 66” mit dem klassischen Logo, das in den 1990er Jahren zur weltweit erkannten Marke wurde.
Der Bundes-Schritt erfolgte 1990 mit dem Route 66 Study Act, der das National Park Service mit der Untersuchung des historischen Wertes der Strecke beauftragte. Der Route 66 Corridor Preservation Program (gegründet 1999, Verlängerungen 2008, 2018) ist seither das offizielle Förder-Programm der US-Bundesregierung für die Erhaltung der Strecken-Substanz. Es finanziert die Restaurierung historischer Motels, Tankstellen, Diner, die Restaurierung der Asphaltbänder selbst und die touristische Vermarktung der Strecke.
Die Heritage-Renaissance hatte eine zweite Komponente — den pop-kulturellen Aufschwung. Der Pixar-Animationsfilm Cars (2006) bezieht sich direkt auf die Route 66 — die fiktive Stadt Radiator Springs ist eine kondensierte Visualisierung der Route-66-Diner-und-Motel-Architektur. Die Cars-Filme haben in den letzten 20 Jahren die kulturelle Präsenz der Route 66 in der globalen Wahrnehmung zementiert.
Die ikonischen Stationen
Die wiederbelebte Route 66 hat in den letzten 35 Jahren einen Kanon der ikonischen Stationen entwickelt, der für Heritage-Touristen die Strecke strukturiert.
Die Cadillac Ranch bei Amarillo, Texas, ist die berühmteste. Die 1974 von der Avantgarde-Kunst-Gruppe Ant Farm errichtete Skulptur — zehn vertikal in den Boden gegrabene Cadillacs aus den 1949er bis 1963er Modelljahren — ist seit den 1990er Jahren der meistfotografierte Halt der Strecke. Die Besucher besprühen die Cadillacs regelmäßig mit Graffiti, was zur ständig wechselnden Optik gehört.
Die Wigwam Motels — eine Hotel-Kette der 1930er bis 1950er Jahre, in denen die einzelnen Gäste-Räume als Beton-Tipis konzipiert waren — sind in zwei Sektionen erhalten: in Holbrook, Arizona (1950 eröffnet), und in San Bernardino, Kalifornien (1949). Beide werden bis heute als funktionierende Motels betrieben und gehören zum National Register of Historic Places. Die Blue Whale of Catoosa in Oklahoma — eine 24 Meter lange Beton-Wal-Skulptur aus den 1970er Jahren — steht beispielhaft für die exzentrischen Wegmarken der Strecke.
Der Grand Canyon-Abstecher von Williams oder Flagstaff aus ist der landschaftlich wichtigste Nebenausflug. Williams, Arizona — die letzte Route-66-Stadt, die 1984 von der Interstate 40 umfahren wurde — ist seit der Heritage-Renaissance zur Route-66-Hauptstadt geworden. Die Santa Monica Pier als westlicher Endpunkt ist die touristische Inszenierung des Streckenendes; das „End of the Trail”-Schild ist eine Nachkriegs-Schöpfung, aber 2026 der meistfotografierte Punkt der Westküsten-Sektion.
Die Strecke 2026 — Reise-Profil und Praxis
Wer 2026 die Route 66 fährt, sollte sich auf zwei Realitäten einstellen. Erstens: Die ursprüngliche Strecke ist nicht durchgängig befahrbar. In etwa 85 Prozent der Original-Trasse existieren befahrbare Wege; der Rest ist entweder durch die Interstate 40 überbaut oder als Privatweg geschlossen. Die offiziellen „Historic Route 66”-Routings führen die Reisenden auf die noch erhaltenen Sektionen, ergänzt durch die Interstate-40-Parallelfahrten in den unverzichtbaren Sektionen.
Zweitens: Die Reise-Dauer ist substantiell. Die 3.940 Kilometer lassen sich in zehn bis fünfzehn Tagen fahren, wenn man den Heritage-Charakter der Strecke ernst nimmt — also die Stationen besucht, in den historischen Motels übernachtet, die Diner-Esskultur mitnimmt. Die straffe Variante in einer Woche ist möglich, sie verfehlt aber den Sinn der Strecke.
Für DACH-Reisende ist die Route 66 zur einer der gefragtesten US-Roadtrip-Routen geworden. Die deutschen Reiseveranstalter führen sie seit den 2000er Jahren als Standard-Produkt; die Spezialisierung auf Wohnmobil-Mieten in Chicago (Beginn) oder Los Angeles (Ende) ist gewachsen. Cruise America, El Monte RV und Apollo bieten Einweg-Mieten zwischen den beiden Endpunkten an; die täglichen Mietkosten liegen 2026 bei 180 bis 280 Dollar je nach Wohnmobil-Klasse, plus Einweg-Aufschlag von 500 bis 1.500 Dollar.
Die deutsche Klientel hat sich in den letzten zehn Jahren professionalisiert. Die typischen Reisenden sind keine Pauschal-Tourist:innen, sondern thematisch fokussierte Roadtripper:innen — viele davon Wiederholungs-Reisende, die nach der ersten Standard-Fahrt mit der Route-66-Logik vertraut sind und in der zweiten oder dritten Reise gezielt Teilstrecken vertiefen.
Vergleich mit europäischen Roadtrip-Strecken
Die Route 66 hat in der globalen Wahrnehmung keine wirkliche Konkurrenz, wohl aber Verwandte. Der Wild Atlantic Way an der irischen Westküste (2.500 Kilometer, ausgewiesen 2014) ist die jüngere europäische Variante des Heritage-Tourismus-Konzepts. Die Deutsche Alpenstraße (484 Kilometer Lindau–Berchtesgaden, seit 1933) ist die historische deutsche Antwort auf das Konzept der durchquerenden Tourismus-Strecke. Die Ring Road in Island (1.332 Kilometer) hat in den letzten 15 Jahren eine vergleichbare Karriere durchlaufen. Was alle europäischen Verwandten unterscheidet, ist die Längen-Dimension — die Route 66 ist auf einer Distanz konzipiert, die in Europa nur transkontinental zu erreichen wäre. Die amerikanische Strecke ist die der monumentalen Distanz und der visuellen Wiederholung.
Das Jahrhundert-Jubiläum und die Zukunft
Das Jahrhundert-Jubiläum 2026/27 ist die Gelegenheit, die Route 66 in einer Weise neu zu kontextualisieren, die über die Heritage-Logik hinausreicht. Die Centennial Commission hat die Vorhaben in vier Bereiche gegliedert: infrastrukturelle Ertüchtigung der Strecken-Substanz, Förderung der Heritage-Wirtschaft, kulturelle Aufarbeitung durch die Smithsonian Institution und die Library of Congress sowie die internationale Tourismus-Vermarktung. Für DACH-Reisende ist 2026 das gut zu planende Jahr; das offizielle Jubiläum-Programm konzentriert sich auf den November 2026 und den Sommer 2027, die Mietpreise für Wohnmobile in den USA werden vermutlich entsprechend anziehen.
Was die Route 66 im Jahr 2026 ist, ist nicht mehr und nicht weniger als das, was sie 1985 nicht mehr sein wollte: eine Strecke, die nicht primär als Verkehrsverbindung funktioniert, sondern als Erlebnis-Raum. Sie ist die Vorlage des globalen Heritage-Roadtrip-Konzepts und die kulturell am dichtesten erzählte Straße der Welt. Ihre 100 Jahre umfassen die amerikanische Depressions-Migration, die Beat-Generation, das Interstate-System, die Stilllegung und die Wiederbelebung — und sie tut das, was eine wirklich ikonische Straße tut: sie überträgt sich von der Strecken-Realität in das kulturelle Gedächtnis ihrer Reisenden, lange bevor und lange nachdem sie tatsächlich befahren wurde.